Die Lawine
Das einschneidene persönliche Erlebnis
Andrea, Patryk,Thomas und Robert aus Krefeld erreichen am 13. Februar 1999 das Patznauntal in Osterreich und freuen sich auf eine Woche Snowboarden in dem kleinen Ort Valzur. Wunderbare Tage, inmitten einer tief verschneiten Landschaft, lassen an eine bevorstehende Gefahr überhaupt nicht denken.
Das ändert sich dann schlagartig am Mittwoch (17. Februar 1999), als heftiges Schneetreiben und ein eisiger Wind das Tal endgültig von der Außenwelt abschneiden. Schnell ist klar, daß die vier zum vorgesehenen Abreisetermin (Samstag, 20. Februar 1999) nicht rauskommen werden. Es folgen Tage des Eingeschneitseins, ohne direkte Verbindung zur Außenwelt. Permanent besteht die höchste Lawinenwarnstufe 5. Jeden Morgen der bange Blick aus dem Fenster, wann hört es endlich auf zu schneien? Denn so lange es schneit, ist an eine Heimreise nicht zu denken. Valzur wird nur noch per Helikopter aus der Luft versorgt . Auch für Geld und gute Worte wird niemand ausgeflogen, weil die österreichischen Behörden keinen bevorzugen oder benachteiligen wollen. Obwohl natürlich zu bedenken ist, auch wenn nur wenige hätten ausgeflogen werden können, so wären eben diese Personen nicht mehr der Lawinengefahr ausgesetzt gewesen.
Der Versorgungshubschrauber fliegt jedoch immer wieder leer zurück.
Am Dienstagabend (23. Februar 1999) die Nachricht, daß im Nachbarort Galtür, nur 4 km entfernt, eine große Lawine abgegangen ist, und es Verletzte und Tote gibt. Im Gasthaus Sonnenhof, dem zentralen Treffpunkt des Ortes, zeigt das Fernsehen einen Bericht mit dem Titel: „Lawinentod in den Alpen“. Tiefe Betroffenheit macht sich breit. Stimmen erheben sich: „Wir wollen raus hier….., …..das kann doch hier auch passieren.“ Große Aufgeregtheit, und dann plötzlich, sorgt ein (zufälliger!) Stromausfall dafür, daß keine weiteren Bilder von dem Unglücksort, so sehr in der Nähe, präsent sind. Manche weinen, einige sitzen ganz still und gefaßt. und einer der Männer holt seine Gitarre und singt ein wildes Shanty-Lied: „What shall we do with the drunken sailor“. Robert hat das erste Mal das Gefühl, jetzt geschieht wirklich was, ein Spannungsbogen nimmt makabere Gestalt an. An dem Abend haben sämtliche Bierfässer im Sonnenhof ein Loch. Ausgelassenheit am Rande des Abgrundes, oder treffender ausgedrückt, am Fuße der Lawine. Die Lust am Untergang wird hier zu einem Stilmittel, denn wer weiß schon, was morgen sein wird!

Der Mittwoch (24. Februar 1999) verläuft zunächst ganz ruhig, lange im Bett, man kann ja sonst nicht viel tun. Gegen Mittag besuchen Robert und Andrea die Familie Walter, der die Pension gehört, in ihren Privaträumen. Frau Walter ist bereits sehr depremiert, weil zwei ihrer Nichten unter der Lawine in Galtür zu Tode kamen. Sie spielen eine Weile mit den zwei-und dreijährigen kleinen Söhnen David und Alexander. Dann die Nachricht, daß die vier Krefelder in ein lawinensicheres Haus am Sonnenhof umquartiert werden sollen. Das Quartett begibt sich sofort dorthin. Gerade dort angekommen, hören sie ein leises Säuseln und Pfeifen, kein Krach, kein Donner, und die ganze Luft ist voller Schneestaub. Die Lawine!
Robert, Patryk und Thomas gehen sofort den Weg zurück zu ihrer Pension, um nachzuschauen, was genau geschehen ist. Nachdem sich der Schneestaub etwas gelegt hat, und der Blick klarer wird, sagt Robert mehrmals den gleichen Satz hintereinander: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Die Örtlichkeit, die so vertraut schien, ist nicht wiederzuerkennen. Der Weg ist plötzlich wie abgeschnitten zu Ende. Ein viele Meter dicker Schneemantel bedeckt alles zuvor dagewesene. Mit Schaufeln versehen, die ein junges Mädchen, wie ganz selbstverständlich, austeilt, gehen die drei weiter.Tiefe Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit, denn wo soll man graben, wenn es keine Anhaltspunkte gibt, wo jemand verschüttet sein könnte. Dann die Entdeckung, daß zwei von den acht Häusern noch erkennbar sind, darunter auch die Pension in der sie wohnten. Sie gehen heran, Frau Walter steht mit dem jüngsten Sohn vor dem Haus, sie hat rote Flecken im Gesicht und weint. Robert fragt, ob die Familie komplett sei. „Nein“ antwortet Frau Walter, „Alexander ist noch drin, bitte hol ihn raus, hol ihn raus!“ Zusammen mit Patryk dringt Robert in das Gebäude ein, wo Herr Walter, bereits am Ende seiner Kräfte, nach seinem Sohn sucht. Fast das gesamte Treppenhaus ist von den Schneemassen durchflutet. Alexander wird von seinem Vater irgendwo unter den Treppen vermutet. Robert und Patryk graben sofort los. Durch die Druckwelle des Lawinenabgangs ist der Schnee so kompremiert und fest, fast so hart wie Beton, daß diese überaus energetische Leistung nicht allein durch Körperkraft zu bewerkstelligen ist.

Nach und nach kommen immer mehr Helfer, auch ein Mann der Rettungswacht mit seinem Spürhund. Er sondiert den Treppenhausbereich und läßt seinen Hund schnüffeln, aber der schlägt nicht an. Die Helfer werden an andere Stellen im Haus geschickt, aber Robert ist sich seiner Sache sicher, hier muß der Junge sein, denn kurz vorher vermeinte er schon den Kopf des Jungen zu erkennen, aber das war vorläufig nur ein Holzknauf des Handlaufes. Er gräbt also an den Treppen weiter. Und das ist die Entscheidung, die letztlich das Leben des kleinen Alexander retten wird. Robert setzt sich über die Order der anwesenden Profi-Retter hinweg, weil seine Sinne so sehr sensibilisiert sind, daß er das richtige im richtigen Moment einfach tun muß. Er schaufelt energisch, aber auch mit Angst davor, das Kind mit einem zu harten Einstich eventuell arg zu verletzen, doch es gibt keine Alternative. Robert hat bereits 45 Minuten gegraben, was ohnehin schon dreimal so lang ist, wie die Kräfte eines Retters es normalerweise zulassen. „Frischer Mann nach vorne“, heißt es, und Robert kann sich etwas erholen.
Er will Abstand von der Realität. Sein Weg führt ihn zu der Tür des Frühstücksraums. Er öffnet sie und ein angenehmes Gefühl der Wärme strömt ihm entgegen, da dieses Zimmer unversehrt und noch beheizt ist. Die Standuhr in der Ecke tickt Normalität in den Raum hinein, als ob diese ganze Katastrophe nicht geschehen sei. Ein kurzer Augenblick der Besinnlichkeit, des so sehr bewußten Augenblicks, und das ist genau der Moment, indem der Spürhund im Treppenhaus anschlägt. Exakt an der Stelle, wo hauptsächlich Robert und auch Patryk die Vorarbeit geleistet hatten, war die Schneedecke mittlerweile so weit abgetragen, daß der Hund den Jungen endlich riechen konnte. Er wird schnellstens ausgegraben, und als man ihn herauszieht, fangt er sofort an zu weinen. Um es vorweg zu nehmen, Alexander hat das Unglück ohne bleibende Schäden überlebt, und das nach fast zwei Stunden unter den eisigen Schneemassen! Es grenzt nicht nur, es ist ein Wunder, denn die Körpertemperatur dieses dreijährigen Kindes war zum Zeitpunkt seiner Bergung auf 3/ Grad abgesunken.
Wir verlassen diesen Ort, denn über weitere Wunder kann leider nicht berichtet werden.
Nach einem Zwischenstop in München (Gespräch mit einem Stern-Journalisten, siehe Heft 10/99), kommen die vier am Freitag (26. Februar 1999) in Krefeld an. Robert kann sich zum allerersten Mal in seinem Leben nicht erklären, was mit ihm los ist. Er ist depremiert, traurig, voller Sühne (warum hatte ich Glück und andere nicht?).
Robert ist Kampfkunsttrainer in der Taiwan Do Akademie und besucht seinen Lehrer und Leiter der Schule, Dai Shi Fu (Großmeister) Mario Frerker, zu dem er ein gutes persönliches Verhältnis hat, um ihm seine Erlebnisse mitzuteilen. Und hier geschieht es dann, es bricht aus ihm heraus. Weinkrämpfe schütteln ihn, die Lawine in seinem Inneren geht ab, löst sich. Da sein Lehrer auf eigene vergleichbare Erlebnisse in seinem Leben zurückgreifen kann, ist ihm verständlich und nachvollziehbar, in was für einem psychologischen Ausnahmezustand Robert ist. Nach Gesten des Trostes, kommen Lehrer und Schüler ins Gespräch über das Erlebte. Es stellt sich die Frage nach der Möglichkeit einer Aufarbeitung, damit Robert nicht lebenslang von Alpträumen geplagt wird. Sie verständigen sich dahingehend, das durcheinandergeratene Seelenleben von Robert durch einen gezielten Verarbeitungsprozess zu neutralisieren. Die innere Balance soll wieder hergestellt werden. Das ist bei Robert deshalb möglich, weil er sich seit nunmehr 10 Jahren intensiv mit sich, dem Thema fernöstliche Philosophie und der Bewegungslehre beschäftigt.
Dieses Lehrprogramm erreicht, durch die Themen Atem-, Haltungs-und Konzentrationsschulung, verbunden mit dem Kampfkunsttraining und einer praktischen Lebensphilosophie, eine positive Veränderung in der Persönlichkeitsbildung. Durch eine starke Willenserweckung lernt man in Extremsituationen sprichwörtlich über den eigenen Schatten zu springen.
Sechs Wochen sind mittlerweile seit der Lawine vergangen und für Robert hat dies alles eine große Veränderung hervorgerufen, die auch von den Menschen in seiner Umgebung wahrgenommen wird. Ein sogenannter innerer Knoten hat sich aufgelöst und die dabei frei werdende Energie schafft einen unglaublichen Bewußtseinsschub. Robert ist viel gelassener, belastbarer und ein Mensch mit tiefer Harmonie geworden, der stark darauf achtet. seinen Lebensrhythmus, den er durch die Verarbeitung des Lawinenunglücks erfahren hat, zu bewahren.
Am Ende dieses Erlebnisberichtes sagt Robert: „Nach diesem Winter mit der Lawine, die alles ins Rollen gebracht hat, wird niemals mehr etwas so sein wie es vorher war. Ich freue mich auf den ersten Frühling meines neuen Lebens.“
